Schmerzfreie Geburt – Ist das nur ein Mythos?

Gerade las ich einen (der vielen) Beiträge im Netz darüber, dass es illusorisch sei eine schmerzarme Geburt anzustreben. Weil der Geburtsschmerz ja seinen Sinn hätte und man Schmerzen nicht mit Leiden gleichsetzen müsse. Heißt es also, wenn es um Geburt geht: Schmerzen ja – Leiden nein?

Die Argumentation der Autorin ist folgende: die durch Oxytocin hervorgerufenen Kontraktionen der Gebärmutter erzeugen zwangsläufig Schmerzen, was gut ist, damit das Gehirn Endorphine freisetzt und diese wiederum dazu führen, dass wir uns besser fühlen (Endorphine werden ja auch als Glückshormone bezeichnet). In der Folge wird dann wieder Oxytocin ausgeschüttet (wieso genau schreibt die Autorin nicht), was erneut zu einer Kontraktion führt. Die Autorin führt weiterhin aus, dass die emotionale Transformation von der Frau zur Mutter während der Geburt eben schmerzhaft sein muss. Die Frage ist nur, ob man unter den Schmerzen leidet oder sie annimmt und damit „arbeitet“.

Ich würde sagen: weder noch. Eine Geburt muss nicht schmerzhaft sein. Die Kontraktionen, die man bei einer Geburt erlebt, sind ganz sicher stark, eindrucksvoll, kraftvoll und fühlen sich ein wenig an als wären sie nicht von unserer Welt. Und ja, wenn man sich nicht auf sie vorbereitet, dann werden sie schmerzhaft sein – so habe ich es auch selbst erlebt, leider. Und ich habe auch gelitten, ganz sicher.

Die Autorin schreibt, es ist das, wie wir mit dem Schmerz während der Geburt umgehen, ob wir uns dagegen stemmen und ihn bekämpfen oder ob wir ihn für diesen Moment annehmen – als kurz und vorübergehend wie es die Natur von Wehenschmerz ist. Ich denke, das ist eine Meinung, die viele Frauen und auch viele Hebammen teilen. Mir wurde das in meinem Geburtsvorbereitungskurs in meiner ersten Schwangerschaft auch so gesagt. Und deswegen habe ich bei meiner Geburt Schmerzen erwartet, Schmerzen mit denen ich arbeiten könnte und die mich zu meinem Baby bringen würden. Was dann tatsächlich passierte war, dass ich Schmerzen erlebte, Schmerzen mit denen ich nicht klar kam. Mit denen ich nicht arbeiten konnte. Und die auch nicht annehmen konnte. Schmerzen die mich übermannten und denen ich mich ausgeliefert fühlte. Sicher schüttete mein Gehirn auch Endorphine aus, aber ich kam mit den Schmerzen trotzdem nicht klar. Ich war verzweifelt und in Panik. Und ich denke, ich bin da nicht allein.

In meine zweite Geburt ging ich mit dem Wissen, dass Geburten als physiologischer Vorgang nicht weh tun müssen. Habe ich Schmerzen erlebt? Nein, keine die schlimmer wären als ein Ziehen – mein Baby wurde trotzdem geboren. Habe ich kraftvolle starke Kontraktionen (Wehen) gespürt? Ja, habe ich, aber sie waren nicht schmerzhaft. Ich denke, wenn man sagt, man muss den Schmerz annehmen, weil dieser physiologisch wäre, übersieht man den Punkt, dass er schlich nicht physiologisch ist. Muskelarbeit ist nicht per se schmerzhaft. Schmerzhaft wird ein Gefühl erst, wenn etwas falsch läuft. Dann sagt uns unser Körper:

Stopp, so kannst du nicht weitermachen!

Das weiß jeder, der sich schon mal einen Muskel gezerrt oder ganz einfach das Training übertrieben hat. Schmerzen zeigen uns einen Defekt an. Grantly Dick-Read schreibt dazu in „Mutterwerden ohne Schmerzen„:

„Meine Definition des Schmerzes lautet auf eine innere Umdeutung schädlicher Reize. Der biologische Endzweck dieser Umwertung ist eine Schutzmaßnahme. […] Es gibt keine physiologische Funktion des Körpers, die im normalen, gesunden Zustand zu Schmerzen führt.“

Weiter führt Dick-Read aus, dass wenn die Erfüllung natürlicher Triebe unterbunden wird, dies natürlich Schmerzen verursachen kann. Wenn man etwa seinen Hunger oder Durst nicht stillt, seine Blase oder seinen Darm nicht leert, dann ist das nach einiger Zeit schmerzhaft. Danach laufen die meisten Geburten nicht physiologisch ab. Schmerzen, die bei diesem Vorgang auftreten umzubenennen oder umzudeuten oder mit Techniken zu lindern kann also allenfalls eine Behelfslösung sein, eine Symptombekämpfung.

Schauen wir uns doch mal an, wie der oben beschriebene Oxytocin-Endorphin-Oxytocin-Zyklus auch aussehen könnte: Was außer Schmerzen führt dazu, dass Endorphine ausgeschüttet werden?

Endorphine werden zwar bei Schmerzen [1], aber auch bei körperlicher Anstrengung (beim Sport) [2], beim Essen [3] und wenn man an seine Grenzen geht [4], freigesetzt. Außerdem scheint auch ein meditativer Zustand ähnlich wie intensiver Sport auf das Hormonsystem zu wirken [5]. Um Endorphine in seinem Körper kreisen zu lassen, braucht man also keine höllischen Schmerzen zu erleiden. Zurück zum oben beschriebenen Zyklus:

Unter der Geburt wird Oxytocin wird ausgeschüttet und es kommt zu einer Kontraktion. Diese wird von der Frau positiv erlebt, als kraftvoll aber nicht als schmerzhaft, weil alle äußeren und inneren Bedingungen stimmen (zum Beispiel die Einstellung mit der die Geburt erlebt wird). Die Frau, die sich „auf ihrem Planeten“, wie Michel Odent es in seinem Buch „Geburt und Stillen“ beschreibt, zurück gezogen hat oder in Hypnose ist, wie Marie Mongan es in „Hypnobirthing“ ausdrückt, oder die – einfach gesagt – in einem meditativen Zustand ist, schüttet Endorphine aus. Nur von der Abwesenheit von Schmerz auf die Abwesenheit von Endorphinen zu schließen ist also nicht begründet. Außerdem ist ein sehr hoher Spiegel von Endorpinen möglicherweise eher hinderlich für die Ausschüttung von Oxytocin [6].

Leider ist die Einsicht, dass Geburten schmerzarm oder schmerzlos sein können auch fast 10 Jahre nach der ersten Veröffentlichung von Marie Mongans Buch und über 65 Jahre nach der ersten Auflage von Grantly Dick-Reads Buch nicht nur wenig verbreitet, sondern stößt auch noch auf viel Ablehnung. Klar, eine schmerzfreie Geburt kann einem keiner garantieren, weil unser Geburtshilfesystem ganz einfach nicht darauf ausgelegt ist, die geeigneten Umstände zu schaffen. Das muss man als Gebärende selbst tun und oft genug werden einem dabei Steine in den Weg gelegt. Aber wenn Frauen von vorherein gesagt wird, schmerzarme Geburt sei eine Illusion (wie mir damals auch) ist das nicht nur demotivierend, sondern wirkt sogar ihrem Ziel diametral entgegen. Denn alles, was man schaffen will, fängt ja zuerst mit einer Idee an. Und wenn diese Idee zerstört oder untergaben wird, dann bringt man unter Umständen das ganze Unterfangen zu Fall.

Wenn Dir also eine Geburt bevorsteht und Du daran glaubst, dass sie schmerzarm oder schmerzfrei sein wird, dann lass Dich nicht von den Zweiflern und Neinsagern irritieren. Glaub an Dich. Glaub an Deinen Körper. Ihr seid wundervoll.


Wenn mein Beitrag Dir gefallen hat, dann lass es mich wissen, darüber würde ich mich sehr freuen.  Wenn Du Fragen oder Anregungen hast, dann schreibe mir doch gern einen Kommentar oder kontaktiere mich direkt. Vielleicht bist Du selbst gerade schwanger und hast Angst vor der Geburt Deines Babys? Ich würde mich freuen, Dir persönlich helfen zu können.

Ich wünsche Dir alles Gute und viel Kraft auf Deinem Weg.  – Susanne


(1) Dragon N, Seidah NG, Lis M, Routhier R, Chrétien M: Primary structure and morphine-like activity of human beta-endorphin. In: Can. J. Biochem.. 55, Nr. 6, Juni 1977, S. 666–70. LINK

(2) Boecker H, Sprenger T, Spilker ME, et al.: The runner’s high: opioidergic mechanisms in the human brain. In: Cereb. Cortex. 18, Nr. 11, November 2008, S. 2523–31 LINK

(3) Dum , Gramsch C, Herz A: Activation of hypothalamic β-endorphin pools by reward induced by highly palatable food. In: Pharmacology Biochemistry and Behavior. 18, Nr. 3, March 1983, S. 443–447 LINK

(4) Endorphins in Reproduction and Stress. Dec 2012 by Wolfgang Distler and Lutwin Beck. Springer-Verlag

(5) A.N. Elias, Wilson A F: Serum hormonal concentrations following transcendental meditation – Potential role of gamma aminobutyric acid. Medical Hypotheses. 44, Nr. 4, April 1995, S. 287–291 LINK

(6) Halda Jr, Hoffman DL, Zimmerman EA: Morphine, β-endorphin and [D-Ala2] Met-enkephalin inhibit oxytocin release by acetylcholine and suckling. Peptides 3, Nr. 4, July–August 1982, S. 663–668 LINK

2 Gedanken zu “Schmerzfreie Geburt – Ist das nur ein Mythos?

  1. Ich finde du solltest ein Buch schreiben. Ich denke, ich kann mir aus deinen Beschreibungen unglaublich viel rausziehen. Eigentlich hab ich über vieles schon mal nachgedacht, konnte die Zusammenhänge aber nicht erkennen. Danke :-). LG Constanze

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