Offener Brief an Herrn Gröhe, Gesundheitsminister BRD und an die Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Frau Dr. Pfeiffer

Erfurt, Freitag der 25. September 2015
Sehr geehrter Herr Gröhe,
sehr geehrte Frau Dr. Pfeiffer,
Heute schreibe ich Ihnen als Mutter zweier Söhne, geboren 2010 im Krankenhaus mit Hilfe einer Beleghebamme und 2013 zu Hause ebenfalls mit Hilfe einer Hebamme. Meine zweite Geburt war ein wunderschönes schmerzarmes Erlebnis, das nur durch die Arbeit meiner Hebamme in dieser Form ermöglicht wurde.
Erschüttert muss ich in den letzten Monaten beziehungsweise Jahren feststellen, wie sich die Situation unserer Hebammen immer mehr dramatisiert und wie sie trotz Versprechungen Ihrerseits und anderer Politiker nicht besser wird.
Ich frage Sie, wie Sie sich sichere Geburten in Zukunft vorstellen? Denken Sie tatsächlich, Klinikgeburten wären sicherer als Hausgeburten? Kennen Sie die Statistiken nicht? Kennen Sie nicht die Situation in den Krankenhäusern, wo es vorkommen kann, dass sich eine Hebamme um fünf Gebärende gleichzeitig kümmern muss? Letzten Dienstag gab es dazu beim ZDF einen interessanten Fernsehbeitrag. Ich möchte keines meiner Kinder unter diesen Umständen auf die Welt gebracht haben.
Gerade heute wurde beschlossen, dass ab dem dritten Tag der Terminüberschreitung erst ein Arzt einer Hausgeburt zustimmen muss. Ich frage Sie, auf welcher Grundlage ein solcher Beschluss gefasst wird? Unsere Körper sind keine Präzionsmaschinen. Schwangerschaft ist ein natürlicher Prozess, der Schwankungen in der Länge unterliegen kann. Ich frage mich, ob sie die Blüten ihn ihrem Garten gewaltsam öffnen, weil sie nicht wie ihre Nachbarinnen schon erblüht sind? Wir sind biologische Wesen und die Natur hält sich nicht an Ihre Zeitpläne.
Wissen Sie wie das Schwangerschaftsalter berechnet wird? Oftmals wird dazu das Datum der letzten Periode genutzt. Aber noch mal: wir sind keine Maschinen und der weibliche Zyklus ist Schwankungen unterworfen. Eine verlängerte erste Zyklushälfte bedeutet deshalb eigentlich einen späteren Beginn der Schangerschaft. Oftmals wird der errechnete Termin deshalb zu früh angesetzt. Die Berechnung via Ultraschall ist übrigens ganz genauso fehleranfällig.
Und was bedeutet das dann nach den Regeln der Geburtsmedizin (und den neuen verschärften Regeln um so mehr?). Es bedeutet, dass Frauen zu früh vollkommen unnötig untersucht und eingeleitet werden, was nicht selten in einem Kaiserschnitt endet. In Deutschland wird jedes dritte Kind per Kaiserschnitt entbunden. Gibt Ihnen das nicht zu denken? Kaiserschnitte sind nicht nur gefährlicher für Mütter und deren Folgeschwangerschaften, sie sind auch von Nachteil für die Neugeborenen und, und das sollte Ihnen beiden wirklich nicht egal sein, sie sind auch noch doppelt bis sieben mal so teuer wie natürliche außerklinische Geburten. Von der Differenz könnten jede Menge Haftpflichtprämien bezahlt werden.
Sehen sie nicht, dass sie mit ihren Entscheidungen nicht nur die Frauen ihrer Selbstbestimmung und eines kraftvollen Erlebnisses berauben, sondern auch einen ganzen Jahrtausende alten Berufsstand zu Grunde richten? Sehen Sie nicht dass sie außerdem die horrenden Ausgaben im Gesundheltssystem weiter in die Höhe treiben obwohl Sie doch vom deutschen Volk dazu angestellt sind eben das Gegenteil zu tun?
Bitte werfen Sie doch mal einen Blick nach England, wo der National Health Service jetzt seine Richtlinien geändert hat und wo für gesunde Frauen, hebammenbetreute Geburten empfohlen werden, weil sie genauso sicher und mit weniger Komplikationen verbunden sind.
Lieber Herr Gröhe, liebe Frau Dr. Pfeiffer, es ist nicht egal wie wir geboren werden! Junge Familien brauchen einen sanften Start in das gemeinsame Leben, und dazu brauchen wir Hebammen und die Möglichkeit zu einer selbstbestimmten Geburt. Hebammen sind kein Luxus, sie machen nicht einfach nur die Arbeit von Ärzten, man kann sie nicht wegrationalisieren und glauben, das sei folgenlos!
Bitte greifen Sie ein, Retten Sie unsere Hebammen und ermöglichen Sie Frauen ein Recht auf die Wahl ihres Geburtsortes!
Mit freundlichen Grüßen,
Susanne Schilling

9 Gedanken zu “Offener Brief an Herrn Gröhe, Gesundheitsminister BRD und an die Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Frau Dr. Pfeiffer

  1. Dem ist nichts mehr hinzu zufügen außer der Anmerkung, dass es Frauen gibt die Bereit sind, gegen solche Bestimmungen vor Gericht zu ziehen. Es kann und darf nicht rechtens sein, einer Frau mit einem normalen Schwangerschaftsverlauf und gesundem Baby eine Hausgeburt zu verbieten. Und 98% der Ärzte wird das nicht unterstützen!!!!

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  2. Hallo Frau Schilling,
    Ich würde gerne e-Mails an ein paar Politiker schreiben und dafür Ihren Brief als Grundlage verwenden. Wäre das in Ordnung? Sie haben es so treffend formuliert.
    Viele Grüße
    Vanessa

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  3. Liebe Sanne! Bin zum zweiten Mal schwanger und hatte vor, in Begleitung einer Hebamme, die Geburt in entspannter Umgebung zu erleben. Doch, seit dem Sommer ist das ja so nicht mehr möglich… Dann habe ich hier deinen offenen Brief gelesen. Gern würde ich dir auch ein Like da lassen, denn das ist offensichtlich wichtig, dass es weitergetragen wird in der Öffentlichkeit. Sei lieb gegrüsst, Bernadett!

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    1. Liebe Bernadett,

      Wenn du magst, teile den Brief gern auf sozialen Netzwerken oder sende ihn noch mal in deinem Namen an Herrn Gröhe. Es muss endlich etwas passieren! Vielen Dank für deinen lieben Kommentar, darüber freue ich mich sehr :) Sei ganz lieb gegrüßt,
      Susanne

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