Was wir von Alleingeburten lernen können

Kürzlich bestellte ich das Buch Alleingeburt von Sarah Schmidt nach dem ich ihren Blog zufällig wieder gefunden hatte (den hatte ich schon vor drei Jahren während meiner zweiten Schwangerschaft gelesen). Als es nach einer Woche endlich kam (bis hier auf die Insel dauert es auch mit Amazon eine Weile), hatte ich es schon fast wieder vergessen. Ich las es dann aber in einem Rutsch durch – das Thema hatte mich (wieder mal) absolut gefesselt.

Dass eine Frau gut alleine gebären kann, darüber schreibt schon Michel Odent in Geburt und Stillen wenn er von der strickend in der Ecke sitzenden Hebamme erzählt oder wie er selbst regelmäßig bei den von ihm betreuten Geburten im Nachbarraum um einen kleinen Arbeitsplatz bat und die Gebärende nur hörend „überwachte“.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: ich möchte hier nicht für Alleingeburten werben und ich persönlich würde immer wieder gerne eine (sehr zurückhaltende) Hebamme an meiner Seite (zu Hause) wissen wenn ich ein Kind gebäre. Aber Menschen sind unterschiedlich und ich kann mittlerweile gut nachvollziehen, wieso Frauen wie Sarah ihre Kinder ohne Begleitung bekommen. Worauf ich aber eigentlich eingehen will, ist weniger die Motivation, denn die ist einfach zu individuell, und auch nicht die Risiken, sondern viel mehr was wir „normalen“ Gebärenden von diesen Frauen lernen können.

Selbstbestimmung ist wichtig

Eine selbstbestimmte Geburt zu erleben ist meist nicht einfach. Manche Frauen geben die Verantwortung lieber ab, „weil man das doch so macht“. Die Belegschaft im Kreißsaal wird das Kind schon heraus holen. Kein kritisches Nachfragen, keine Gegenwehr, kein Geburtsplan. Andere wollen selbst bestimmen, sind aber durch Vorschriften oder den Druch des medizinisches Personals oder ihres Partners gezwungen, ihre Selbstbestimmung aufzugeben – manchmal unter großer Gegenwehr. Frauen, die alleine gebären haben niemanden, der ihnen Vorschriften macht. Niemand der sie unter Druck setzt, weil es nicht schnell genug voran geht oder das Fruchtwasser knapp wird. Und selbst bestimmen heißt natürlich auch selbst die Verantwortung zu tragen. Einen tollen Artikel hierzu gibt es bei Jobina Schenk, auf ihrem Blog Meisterin der Geburt.

Viele Komplikationen sind „krankenhausgemacht“

Sarah Schmid geht in ihrem Buch auf einige Geburtskomplikationen ein, sagt aber auch, dass viele der Komplikationen, vor denen Mütter und Kinder dann später „gerettet“ werden müssen, nur durch vorherige Eingriffe des medizinischen Personals hervorgerufen werden. Ein Paradebeispiel hierfür ist die Rückenlage, die noch immer viele Frauen während der Geburt einnehmen (müssen). Dies ist (nach dem Kopfstand ;) ) die geburtsunfreundlichste Position und hat oft weitere Interventionen und „Rettungsmaßnahmen“ wie Vakuumextraktion und Dammschnitt zur Folge. Die Plazentageburt, welche im Krankenhaus zu oft forciert und künstlich vorangetrieben wird, führt ebenfalls zu Komplikationen bei der Plazentalösung und zu starken Blutungen vor denen viele Frauen Angst haben.

Geburten sind leicht

Viele Frauen, die über ihre Alleingeburt berichten, beschreiben erstaunlich leichte Geburten. Sie haben auch Schmerzen (außer die, die Hypnobirthing anwenden ;) ), manchmal geht es nicht voran und die Geburt ist ein Kraftakt – das ist klar. Aber bei einer Gesamtinterventionsrate von fast 95 % in deutschen Kreißsälen könnte man davon ausgehen, dass eine Geburt ohne medizinische Hilfe gar nicht möglich ist (und ich glaube, das denken wirlich viele Menschen). Dass Geburten aber eigentlich in den allermeisten Fällen gut ausgehen – selbst wenn niemand „hilft“ – das kann man von Alleingeburten lernen. Und das kann uns viele Ängste nehmen.

Privacy is key

Privacy, also Privatsphäre, ist einfach essentiell für eine natürliche leichte und schmerzarme Geburt. Wenn wir uns nicht (wenigstens geistig, besser aber auch physisch) zurückziehen können, dann können wir nur schwer los lassen. Und genauso wenig wie wir unter Beobachtung die Toilette benutzen können, genauso wenig können wir gebären, wenn wir ständig beobachtet, vermessen, angefeuert oder sogar beschimpft werden. Nicht selten ziehen sich Alleingeburtsfrauen instinktiv in den kleinsten Raum der Wohnung zurück, manche auch ganz alleine, ganz ohne Partner.

Hör auf Deine Intuition

Nenn es Instinkt, nenn es Intuition oder Eingabe, oder weibliches Wissen. Wir Frauen wissen, wie man ein Baby auf die Welt bringt. Genauso wie es weibliche Tiere wissen. Niemand bringt ihnen bei, wie man gebärt, niemand interveniert oder leitet sie zum Pressen an. Viele Alleingeburtsfrauen nehmen ganz automatisch die beste Position ein, pressen langsamer mit wenn nötig oder bleiben in Bewegung wenn das Kind nicht richtig im Becken ist. Sie wissen auch instinktiv, ob es ihrem Baby gut oder schlecht geht, ohne an ein (sinnloses) CTG angeschlossen zu sein.

Zu guter letzt: Toleranz

Ich finde es ist wichtig, zu akzeptieren, dass es viele verschiedene Modelle gibt ein Kind zur Welt zu bringen, fast genauso viele wie es Gebärende gibt. Genauso wie sich die Mehrzahl der Frauen im Krankenhaus am sichersten fühlt, gibt es eben auch Frauen, die auf Grund schlechter Erfahrungen oder ihres inneren Wissens nicht unter medizinischer Überwachung gebären wollen, auch nicht mit einer zurückhaltenden Hebamme. Andere werden mehr oder weniger dazu gezwungen allein zu gebären. Auch wenn wir den Standpunkt anderer Menschen nicht immer gut nachvollziehen können, können wir doch tolerant sein, anderen Standpunkten gegenüber. Genauso wie wir uns Toleranz gegenüber unserem eigenen Standpunkt erhoffen.

 

Für Neugierige zum Weiterlesen:

Alleingeburtsblog von Sarah Schmid: Geburt in Eigenregie

Meisterin der Geburt von Jobina Schenk

Freie Bildung von Mary Mattiolo

Unassisted Childbirth – englischsprachiger Alleingeburtsblog

Und ansehen:

Sarah Schmids zweite und dritte Alleingeburt

Alleingeburt bei der das Baby etwas braucht um anzukommen

Hier filmt das Geschwisterkind eine Alleingeburt, den Geburtsbericht dazu gibt es hier bei Jobina


 

Wenn mein Beitrag Dir gefallen hat, dann lass es mich wissen, darüber würde ich mich sehr freuen. Wenn Du Fragen zum Thema oder Anregungen für weitere Artikel hast, dann schreibe mir doch gern einen Kommentar oder kontaktiere mich direkt. Vielleicht bist Du selbst gerade schwanger und hast Angst vor der Geburt Deines Babys? Ich würde mich freuen, Dir persönlich helfen zu können (natürlich kostenlos!).

Ich wünsche Dir alles Gute und viel Kraft auf Deinem Weg.  – Susanne

 

 

3 Gedanken zu “Was wir von Alleingeburten lernen können

  1. Hallo Sanne,

    ein toller Artikel! Das Buch wollte ich längstens holen, komme aber unlängst grad nicht zum Lesen … so schiebe ich es noch ein wenig vor mir her.

    Mir geht es ähnlich, wie du schreibst. Tatsächlich ging es mir die Phase, die ich zu Beginn der Geburt ohne Hebamme verbrachte auch gar nicht so gut. Ich hab das klein wenig dirigieren meiner Hebamme unter der Geburt gebraucht.

    Was ich mit Sorge betrachte ist die wachsende Anzahl an Frauen, die mit dem Gedanken der Alleingeburt spielen, alleine aus dem Grund, weil ihre Optionen immer mehr ausgedünnt werden. Das halte ich tatsächlich für eine Gefahr. Hier müssen Lösungen oder Alternativen her, um vertrauensvolle Geburtssituationen für Frauen zu schaffen, die sich weiterhin eine zurückhaltende Begleitung wünschen.

    Lg
    ~Tabea

    Gefällt 1 Person

    1. Finde ich auch wichtig! Wer eigentlich eine Hebammenbetreuung möchte, sollte nicht alleine gebären müssen. Ich denke, in dieser Situation werden sich immer mehr Frauen wiederfinden in den nächsten Monaten und Jahren, weil einfach zu viele Hebammen aufhören außerklinische Geburten zu begleiten.
      Das Buch ist super, sehr empfehlenswert und liest sich recht schnell weg.
      Liebe Grüße

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