Von Sorgen und Katastrophen

Stelle Dir die folgende Szene in einem Film vor: Eine Familie fährt am Weihnachtsabend auf einer verschneiten Straße entlang. Die Sicht ist wegen des Schneefalls schlecht und die Straße ist glatt. Trotzdem sind alle gut gelaunt und reden aufgeregt miteinander. Von Weitem hört man einen Truck auf sie zukommen und hupen.

Was erwartest Du, was in der nächsten Szene passiert?

Nicht wenige werden sich jetzt in ihrem Kopf einen Unfall vorgestellt haben, oder? Aber wieso eigentlich? Wieso denken wir so oft in „worst case-Szenarios“. Und das nicht nur im Alltag, sondern auch und gerade beim Thema Geburt?

Wir sind durch Berichte im Internet, durch Fernsehdokus und durch persönliche oft übertriebene oder verfälschte Berichte („Die Freundin der Freundin meiner Schwester wäre bei ihrer Geburt gestorben, wenn sie nicht im Krankenhaus gewesen wäre!“) darauf geprägt, Katastrophen in der Schwangerschaft oder bei der Geburt unseres eigenen Babies zu erwarten. Und so können sich viele Menschen gar nicht vorstellen, dass eine Geburt kein medizinisches Ereignis sein muss, sondern tatsächlich ein natürlicher Vorgang sein kann. Ohne Interventionen, ohne „Hilfe“ von außen. Und das Schlimmste ist, dass es sich viele werdende Mamas selbst nicht vorstellen können.

Das Problem dabei: was wir uns selbst nicht vorstellen können, was wir uns nicht erträumen, nicht erwarten, das wird mit einiger Wahrscheinlichkeit auch nicht passieren. Durch die immer währende Erwartung einer Gefahr schneiden wir uns von großen Glücksgefühlen ab. Wenn etwas gut läuft (zum Beispiel in der Schwangerschaft), denken wir oft, was wäre wenn? Wir grübeln nach, wir sind dadurch nicht selten innerlich angespannt und verkrampft. Wir denken, dass wir so besser auf Katastrophen vorbereitet wären. Kann uns dieses ständige Grübeln aber vor unserer Verletzlichkeit beschützen?

Auf wirklich schlimme Fälle (die zugegebenermaßen passieren könnten) kann man kann sich nicht vorbreiten. Tritt ein solches Szenario ein, sind wir trotzdem geschockt. Das zieht einem den Boden unter den Füßen weg, ganz klar! Aber davor kann man sich nicht schützen, indem man sich darum sorgt. Wir vergessen aber oft, dass diese Katastrophen sehr sehr unwahrscheinlich sind (zum Beispiel eine Uterusruptur bei einer normalen Geburt nach einem Kaiserschnitt). All die Grübelei, all die Sorgen die wir uns machen, sind oft sinnlos:

  1. Treten die Szenarien nur sehr selten überhaupt ein.
  2. Wenn die Katastrophe wirklich entgegen aller Wahrscheinlichkeiten eintritt, kann man sich sowieso nicht darauf vorbereiten. Oder ist man bei Schicksalsschlägen besonders gut gewappnet weil man sich vorher wochen- oder tagelang gesorgt hat?

Sicherlich, man kann sich in gewisser Weise gegen verschiedene Katastrophen schützen, und das sollte man auch tun. Niemand sagt, dass wir alle unangegurtet Auto fahren oder bei Rot mit geschlossenen Augen über die Straße laufen sollten. Aber sollten wir uns den ganzen Tag (und die halbe Nacht) damit um die Ohren schlagen, darüber nachzugrübeln? Immer wieder Szenarien durchspielen? Nein. Wir treffen die Entscheidung, uns ein Auto mit Gurten zu kaufen und vor jedem Losfahren schnallen wir uns an. Aber die wenigsten grübeln Tag aus Tag ein darüber nach, was ihnen auf der nächsten Autofahrt passieren wird oder entscheiden sich, nie wieder eine Straße zu überqueren.

Natürlich sollten wir Vorkehrungen treffen während der Schwangerschaft und auch für die Geburt. Und diese sehen für jede Frau anders aus, je nach ihrem eigenen Sicherheitsbedürfnis. Die eine wird sich zehn verschiedene Kreißsäle ansehen und gewissenhaft ihre Tasche packen, während die andere sich fleißig auf ihre Alleingeburt vorbereitet. Aber ständiges Grübeln und Angst, zum Beispiel in der Frühschwangerschaft, wenn noch nicht wirklich klar ist, ob sich das kleine Seelchen auch wirklich gut eingenistet hat, versetzt unseren Körper in Stress. Und Stress ist nachgewiesenermaßen sehr nachteilig für eine Schwangere und ihr Ungeborenes (natürlich auch für jeden sonst). Anspannung und Katastrophendenken haben keinen Nutzen. Auch medizinisches Personal neigt leider nicht selten zur Panikmache und übertriebener Vorsicht. Auch das kann Schwangere und Gebärende in Panik versetzen und schadet sicher an vielen Stellen mehr als es nützt.

Deshalb sollte man sich unbedingt:

  1. Dieser Problematik bewusst zu sein oder zu werden und dann
  2. Aktiv dagegen zu steuern. Zum Beispiel durch Entspannungsübungen, Meditation und Affirmationen. Oder durch Auseinandersetzung mit den eigenen Ängesten (sind diese wirklich rational begründet?). Man kann nämlich durchaus bestimmen, was in den eigenen Gedanken vor sich geht. Und nicht zuletzt indem man sich mit positiver Unterstützung umgibt (Hebamme, Freundinnen, Partner) und sich von negativen Einflüssen (Geschichten und Personen) fernhält.

Warum sollte man seine Zeit damit verbringen, sich über ein Szenario Gedanken zu machen, von dem man nicht möchte, dass es eintritt? Warum nicht stattdessen den Fokus darauf legen, was man sich wünscht und von dem man möchte, dass es eintritt? In diesem Sinne:

Wenn ich Dir prophezeihen würde, dass die Geburt exakt so verläuft, wie Du in den letzten 300 Tagen gedacht hast… Welche Gedanken würdest Du denken?

 


 

Wenn mein Beitrag Dir gefallen hat, dann lass es mich wissen, darüber würde ich mich sehr freuen. Wenn Du Fragen zum Thema oder Anregungen für weitere Artikel hast, dann schreibe mir doch gern einen Kommentar oder kontaktiere mich direkt. Vielleicht bist Du selbst gerade schwanger und hast Angst vor der Geburt Deines Babys? Ich würde mich freuen, Dir persönlich helfen zu können (natürlich kostenlos!).

Ich wünsche Dir alles Gute und viel Kraft auf Deinem Weg.  – Susanne


 

 

 

 

 

 

 

 

12 Gedanken zu “Von Sorgen und Katastrophen

  1. toller beitrag, die menschen sollten wirklich anfangen, im hier und jetzt zu leben und nicht nur übe die zukunft nachzudenken. das gilt nicht nur beim thema schwangerschaft und geburt!
    sobald ma selbst schwanger ist, bekommt man ungefragt und unweigerlich alle horrorgeschichten von anderen frauen erzählt… da denke ich mir auch immer, was soll das bringen?! falls es so sein wird kann ich nichts daran ändern und andernfalls brauch ich mich ja deswegen nicht fertig zu machen!
    und ja, filme, werbung, erzählungen, einstellung und meinungen vieler ärzte usw. brennen sich so in unser hirn, dass es uns als total unnatürlich und riskant vorkommt, ein kind nicht in der üblichen maschinerie von krankenhauspersonal, schmerzen, überwachung, medikamenten, anleitung…. zu bekommen.
    greets cao

    Gefällt 2 Personen

    1. Ganz bestimmt, gilt das nicht nur bei Schwangerschaft und Geburt, da hast Du Recht. Aber wie du schon schreibst, es wird einem in dieser Phase, die ja mal „gute Hoffnung“ genannt wurde, echt schwer gemacht, nicht in Sorgen zu verfallen. Darauf wollte ich aufmerksam machen. Ich danke für Deinen lieben Kommentar,
      Viele liebe Grüße,
      Susanne

      Gefällt 1 Person

  2. Ich kann das nur bestätigen und ergänzen, dass die Einstellung in der Schwangerschaft nicht nur Auswirkungen auf die Geburt, sondern auch später Auswirkungen auf das Baby hat. Ich hatte eine Mitschwangere im Geburtsvorbereitungskurs die ständig darüber gesprochen hat wie schlecht es ihr doch geht und wie „fett“ sie geworden ist. Ich habe ersthaft daran gedacht, nicht mehr in den Kurs zu gehen oder zumindest die freie Gesprächsrunde vorzeitig zu verlassen, weil das einen so runter zieht. Ich habs ihr dann aber auch mal in Gesicht gesagt, dass sie anfangen sollte positiv zu Denken. Viel geholfen hat es nicht mehr. Und im Rückbildungskurs und bei der Babymassage ging das ganze dann weiter mit: „Das Baby schreit nur….“ … „Alles ist so anstrengend“ – Mein Fazit: Wie man sich bettet, so liegt man. Ich hatte eine ganz tolle 2. ambulante Geburt mit vorheriger Lektüre eines Hypnobirthing-Buches. Kann ich jeder Frau empfehlen!

    Gefällt 3 Personen

    1. Liebe Ella,

      ich finde, Du hast SO Recht mit dem was Du schreibst. Oft beobachtet man es an anderen – und manchmal sogar an sich selbst :)
      Danke für Dein Beispiel, das finde ich sehr gelungen, so jemand kennt sicher jede von uns.
      Vielen Dank für Deinen Kommentar,
      Viele liebe Grüße,
      Susanne

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  3. Wieder mal ein ganz toller Artikel mit einem wunderschönen Zitat von Jobina Schenk, das ganz viel Wahrheit enthält. Leider glauben viel zu wenige schwangere Frauen daran, dass sie durch ihre Gedanken die Realität beeinflussen können. Das finde ich sehr sehr schade. Ich hoffe durch deinen Artikel wird es für einige klarer – verständlicher.
    Ich glaube ganz fest an die Kraft meiner eigenen Gedanken. Sie sind wesentlich mächtiger als man allgemein hin glaubt!
    Danke <3

    Viele liebe Grüße
    Mother Birth

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich denke auch, dass man mit seiner Einstellung und seinen Gedanken bestimmt, was einem pasiert. Einfach wegen der Einstellung, mit der man Dingen begegenet, wie es Ella in ihrem Kommentar auch gesagt hat.
      Vielen Dank für Deinen lieben Kommentar :)
      Viele liebe Grüße,
      Susanne

      Gefällt 1 Person

  4. Liebe Susanne,

    das ist ein wunderbarer Artikel der Mut macht!
    Ich bin gerade zum 2. Mal schwanger und mache mir leider viel zu oft negative Gedanken und habe Angst vor der Geburt. Die erste Geburt verlief an sich ganz gut, aber ich kam mit dem Wehenschmerz nicht so gut zurecht… Ich versuche aber ab sofort meine Gedanken positiver zu gestalten und mir ein paar Atemtechniken anzueignen. :-)

    Liebe Grüße
    Ina

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Ina,

      danke für Deinen lieben Kommentar. Schön, dass Dir der Artikel gefallen hat :) Ich hoffe, Du kannst ein paar Aspekte in Deine Gedanken einbauen. Ich schreibe gerade an einem Artikel über das Unterbewusstsein, das wird Dich sicher auch interessieren :)
      Liebe Grüße und ganz viel Gutes für die nächsten Wochen und die Geburt :)
      Susanne

      Gefällt mir

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