Wie Dein Verstand Dir hilft, eine positive Geburt zu erleben

Beobachte einmal, die unwillkürliche Tendenz

In dieser kleinen Mini-Serie soll es um drei Komponenten gehen, mit denen wir zwar immer zu tun haben, derer wir uns aber normalerweise viel zu wenig Bewusst sind – im Alltag wie bei der Geburtsvorbereitung. Verstand, Unterbewusstsein und Körper sind eng miteinander verwoben und beeinflussen einander stark, ohne dass uns das immer bewusst ist. Dein Verstand ist die Komponente, die Dir wahrscheinlich am nächsten von allen ist, Du bist immerhin Deine Gedanken, …oder?

Was wäre, wenn der bekannte Ausspruch von Descartes

Ich denke also bin ich!

so gar nicht stimmen würde? Es gibt ein einfaches Gedankenexperiment, das Du jederzeit machen kannst: Denke in Deinem Kopf folgende Frage und sei im Anschluss daran sehr aufmerksam was geschieht: „Ich frage mich, was ich als nächstes denken werde.“

Wenn es Dir so geht wie mir, dann war direkt nach der Frage eine kurze Pause, eine Lücke, ein Raum, in dem kein Gedanke war. Wenn Du selbst meditierst, hast Du diese Erfahrung vielleicht auch schon mal gemacht. Nach einigen Momenten geht das Gedankenkarussel zwar wieder los, aber eins wird deutlich: auch wenn Du nicht denkst, nur erfährst und bewusst bist, bist Du noch da. Du bist nicht Dein Verstand. Du nimmst Deine Gedanken wahr, aber generierst Du sie wirklich selbst? Du benutzt Deinen Verstand um Dinge zu tun, aber kannst Du ihn auch abschalten, wenn Du gerade nichts zu tun hast?

Wenn Du einmal darauf achtest, wirst du sehen wie oft Du Dinge im Kopf immer und immer wieder durchkaust, auch wenn die Sache eigentlich schon lange erledigt ist oder Du gerade eh nichts daran ändern kannst. Wie dein Verstand immer weiter und weiter läuft, auch wenn du schlafen oder Hypnobirthing trainieren willst und ihn eigentlich nicht brauchst. Im Gegenteil, die Gedanken lenken Dich oft genug ab, sind demotivierend oder übermäßig skeptisch, so dass Du Dich nicht auf die Situation einlassen kannst.

Dein Verstand als Problemlösemaschine

Ist Dein Verstand deswegen schlecht? Keinesfalls. Der menschliche Verstand ist ein großer Vorteil gewesen während unserer Evolution und ohne ihn wären wir jetzt so nicht hier. Dein Verstand ist ein wunderbares Werkzeug, wie ein Skalpell, mit dem man schwierige und sehr feine Operationen machen kann. Aber ein Skalpell kann auch erheblichen Schaden anrichten, wenn man es falsch hält und nicht damit umzugehen vermag. Und so auch Dein Verstand. Und deswegen haben wir im Alltag so oft das Bedüfnis, den Verstand abzustellen, also unser Skalpell abzustumpfen, zum Beispiel mit Essen, Fernsehen, einem Glas Wein am Abend, ständigem Smartphonegebrauch, jeder Art von Sucht und so weiter. Die Möglichkeiten sind endlos und das zeigt eins: Du hast Deinen Verstand kein bisschen unter Kontrolle. Aber wenn Du ihn nicht kontrollierst, kannst Du dann Dein Verstand sein?

Wir leben heute in einer Zeitin der der Verstand sehr hoch geschätzt wird, der Körper dient allenfalls als Statussymbol oder Quelle angenehmer Gefühle. Und unangenehme Gefühle und Emotionen drücken wir weg, wir halten sie nicht aus. Körperliche Arbeit wird lange nicht so honoriert wie geistige Tätigkeit. Wir leben sehr viel in unserem Verstand, im Kopf, ohne auf unseren Körper zu achten. Eine Geburt findet aber nun mal im Körper statt, und unser verstandesbasiertes Dasein rächt sich spätestens beim Einsetzen der Wehen.

Dein Verstand ist eine Problemlösemaschine. Er stößt nur dort an seine Grenzen, wo es keine Probleme mehr zu analysieren gibt – und macht sich selbst seine eigenen, um weiter grübeln zu können. Du selbst hast davon überhaupt nichts.

Dein Verstand kann nicht in der Gegenwart sein. Achte einmal darauf. Er pendelt immer zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her. Was damals passiert ist, was Du gleich noch machen musst, was diejenige damals zu Dir gesagt hat und wie Du beim nächsten Treffen reagieren wirst. Selten, sehr selten ist er im hier und jetzt, aufmerksam bei Deiner aktuellen Tätigkeit. Um genau dem entgegen zu wirken ist es so wichtig, achtsam zu sein – und das kann man üben.

Oft genug jagen uns unsere Gedanken einen heftigen Schreck ein, einen Schreck, eine Angst, die wir körperlich fühlen können und die Einstieg in den Angst-Spannungs-Schmerz-Zyklus während der Geburt sein können. Mach Dir bewusst, dass diese Gebdanken, diese Bilder in Deinem Kopf nicht real sind. Es sind Möglichkeiten, die nicht eintreten müssen – und das Grübeln darüber wird Dich vor ihnen nicht bewahren. Alles was das Grübeln bewirkt, ist mehr Anspannung, mehr Schmerz, mehr Leiden.

Dazu kommt, dass speziell die Geburt eine sehr alte Funktion ist, auf die unser Verstand keinen Zugriff hat. Dies verunsichert ihn, das Ruder an den Körper abgeben, aufgeben, kann er nicht, weil er es nicht gewohnt ist.

Wie kann Dir Dein Verstand nun dabei helfen, Deine Geburt positiv zu erleben?

Eigentlich sollte man die Frage lieber umformulieren: Wie schaffe ich es, dass mir mein Verstand bei meiner Geburt nicht im Weg steht? Denn das passiert leider sehr oft. Dein Verstand grübelt, theoretisiert, macht sich Gedanken darüber, ob diese oder jene Position nicht zu peinlich ist,… Wird vom piependen CTG aufgestachelt…. ob alles in Ordnung ist mit dem Baby? … Wie lange wird die Geburt denn noch dauern? Sollte ich nicht doch ein Schmerzmittel….. Aua, was war das für ein Stechen im Rücken… Das Gedankenkarussel dreht sich und Du bist nicht mehr im Körper, nicht mehr bei Deinem Gefühl, nicht mehr im Jetzt.

Wie Dein Verstand Dir hilft:

Bereite Dich gut auf die Geburt vor. Mit Hilfe Deines Verstandes kannst Du planen, eine Hebamme finden, einen Geburtsplan machen, Deinen Partner auf die Geburt vorbereiten, so dass er die Verstandesarbeit dann übernehmen kann. Auch kannst Du darüber nachdenken, ob eine Dauerüberwachung per CTG wirklich nötig ist. Planen ist wichtig und richtig. Vorbereitung und Planung helfen Dir, bei der Geburt dann wirklich loslassen zu können.

Wichtig ist, während der Geburt den Verstand so wenig wie möglich zu stimulieren. Deswegen ist Privacy so wichtig: Du solltest wähend der Geburt und gerade während der Kontraktionen so selten und so sanft wie möglich angesprochen werden (denn was sind Gedanken denn? – Es sind oft genug Worte), helles Licht sollte vermieden werden (denn auch der Sehsinn stimuliert Deinen Verstand) und es sollten so wenig Leute wie möglich anwesend sein (denn auch das verringert aus verschiedenen Gründen das Gedankenkarussel).

Neben Hypnose kann auch ein Mantra, Musik oder ein einfaches Lied (im Kopf gesungen) während der Geburt helfen. Man gibt dem Verstand sozusagen etwas zu tun, etwas zum festhalten, so dass er „nicht auf die Idee kommt“ sich Probleme herbeizuphantasieren.

Schon in der Schwangerschaft kannst Du Dich darin üben achtsam auf den Moment zu sein, zum Beispiel bei alltäglichen Dingen wie Wäsche aufhängen oder Abwaschen. Beobachte Deinen Verstand dabei, wie er immer wieder abdriftet (weil ihm diese Aufgabe vielleicht zu langweilig erscheint und es wichtigeres zu tun gibt). Mach Dir klar, dass das was Du gerade Jetzt tust, am wichtigsten ist. Wenn Du Dir das angewöhnst, wird es Dir möglich sein auch bei der Geburt ganz gegenwärtig zu sein.

Der letzte Tipp ist etwas, das sich nicht von heute auf morgen umsetzen lässt. Hat man aber erstmal die Mechanismen durchschaut, ist es wertvoll weit über Geburtsvorbereitung hinaus. Gewöhne Dir an, vor negativen Empfindungen und Emotionen nicht wegzulaufen. Normalerweise flüchten wir uns in Essen, Fernsehen oder unser Smartphone, in Smalltalk oder was auch immer, um uns nicht mit negativen Emfpindungen (körperlichen oder seelischen Schmerzen) auseinandersetzen zu müssen. Beobachte einmal die unwillkürliche Tendenz Deines Verstandes, sich davon abzuwenden, abzueugnen oder es abzulehnen, was Dir gerade passiert. Wenn Du negative Empfindungen welcher Art auch immer zulassen kannst und sie einmal versuchst, neutral zu beobachten, wirst Du oft feststellen, dass Schmerz, Angst oder was auch immer Dich quält, nicht halb so schlimm sind, wie Du es Dir eingebildet hast, als Du davor weggelaufen bist (auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheint). Meditation kann Dir bei diesem Prozess helfen. Außerdem dient sie dazu, den Verstand zu zähmen, zu beherrschen, so dass Du ihn einsetzen kannst wenn Du ihn brauchst, und beiseite legen kannst, wenn andere Dinge gerade wichtiger sind.

Der nächste und letzte Artikel der Mini-Serie befasst sich mit Deinem Körper und wie er Dir hilft, eine positive Geburt zu erleben.


Ich hoffe, mein Artikel hat Dir gefallen. Wenn ja, dann lass mir doch ein Sternchen oder einen Kommentar da – darüber würde ich mich sehr freuen :)

Liebe Grüße,

Deine Susanne

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3 Gedanken zu “Wie Dein Verstand Dir hilft, eine positive Geburt zu erleben

  1. Sehr schön geschrieben! Ich bin mit meinem 3. Kind schwanger, habe noch etwa 6 Wochen, meine mittlere Tochter ist gerade mal 1 Jahr alt, ich schleppe mich durch den Tag und komme kaum dazu, der kommenden Geburt Raum zu geben – dabei hat mir sein Artikel gerade sehr geholfen! Ich hatte 2 unkomplizierte Geburten zu Hause, bin selber Hausgeburtshebamme, und solche Dinge wie CTG sind kein Thema, aber der Schmerz, den ich besonders bei der zweiten, sehr schnellen Geburt als unerträglich empfand, verursacht, dass ich nicht im ‚jetzt‘ sein konnte während der Wehen. Und genau da muss ich hin… lassen können was der Körper macht, annehmen, egal wie lange vielleicht noch.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Amrei,
      danke für Deinen lieben Kommentar und das Lob. Das Loslassen ist wirklich schwer, aber das kriegst Du hin. Vielleicht kannst Du den Schmerz (wenn denn welcher da ist) als Warnsignal aufgreifen, Dich mehr fallen- und loszulassen. Wenn man sehr genau auf den Schmerz achtet und ihm seine ganze Aufmerksamkeit gibt, dann hört er auf, Schmerz zu sein. Schlussendlich ist er ja nur eine Interpretation Deines Gehirns (kann man gut üben wenn man sich mal den Zeh stößt oder ähnliches ;) ).
      Ich wünsche Dir für die nächsten Wochen noch ein wenig Ruhe um Kraft zu schöpfen und einen freien Kopf für die Geburt zu bekommen.
      Liebe Grüße,
      Susanne

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