Geheimnisse einer schmerzarmen Geburt: #2 Atmung

Als ich während meiner ersten Schwangerschaft vom Vertönen hörte, dachte ich: naja, so laut wirst Du schon nicht sein. So laut wie unsere Hebamme uns das im Geburtsvorbereitungskurs vormachte. Ich fing dann aber schon recht zeitig unter meiner ersten Geburt zu tönen an und auch sehr laut, da die Schmerzen immer schlimmer wurden und ich so wenigestens ein wenig davon „rauslassen“ konnte. Ich tönte und wurde gelobt von meiner Hebamme, wie gut ich das machte. Zwischen den Wehen wurde ich dann leider immer kurzatmiger und panischer – aus Angst vor der nächsten Wehe. Das führte so weit, dass ich später im Krankenhaus eine Art Sauerstoffmaske bekam, weil die Hebammen besorgt waren, das Baby würde nicht mehr gut mit Sauerstoff versorgt werden.

Erst während meiner zweiten Schwangerschaft lernte ich die richtige Atmung für die Geburt und ich denke mittlerweile, dass sie wirklich ein Schlüsselelement einer normalen physiologischen und schmerzarmen Geburt ist. Die Atmung hat dabei mehrere Funktionen in verschiedenen Abschnitten der Geburt.

Sauerstoffversorgung

Die offensichtlichste Funktion von Atmung ist natürlich die Sauerstoffversorgung, sowohl des Babys als auch der Mutter. Das Baby braucht natürlich Sauerstoff und eine Unterversorgung der Mutter zum Beispiel durch panisches kurzes Atmen kann eventuell zu einer Unterversorung oder unregelmäßigen Herztönen beim Baby führen. Die Mutter – und das vergisst man hier leicht – muss aber auch gut mit Sauersoff versorgt sein, leistet sie doch nahezu übermenschliche Muskelarbeit, für die der Körper nunmal Sauerstoff braucht. Ist die Mutter nicht genug mit Sauerstoff versorgt, kann der Gebärmuttermuskel nicht gut arbeiten und es kommt zum Beispiel zu Schmerzen. Eine langsame, tiefe und regelmäßige Atmung ist deshalb so wichtig, für alle Stadien der Geburt (und natürlich auch für die ganze Schwangerschaft).

Entspannung

Entspannt zu sein ist sehr wichtig für eine schmerzarme Geburt. Nur wenn man locker lässt, den Körper nicht anspannt und ihn dadurch seine Geburtsarbeit verrichten lässt, kann man Schmerzen unter der Geburt vermeiden. Deshalb betonen sowohl Grantly Dick-Read als auch Marie Mongan in ihren Büchern die Bedeutung von Entspannungtechniken. Ein entscheidender Faktor bei der Entspannung ist die Atmung. Immer wenn Du eine geführte Entspannung, autogenes Training, eine Meditation oder eine Hypnose machst, wird der Sprecher Deine Aufmerksamkeit auf Deinen Atem lenken und ihn dazu einsetzen, Dich zu beruhigen. Besonders entspannend ist es, wenn man doppelt solange aus- wie einatmet. Im Hypnobirthing heißt diese Technik Schlafatmung, ich würde sie lieber Entspannungsatmung nennen, da man ja nicht schläft, sondern sich entspannt. Probiere es einmal selbst. Atme bewusst ein (aber nicht zu tief, zum Beispiel in dem Du gedanklich bis drei zählst), dann lässt Du die Luft langsam wieder heraus (zum Beispiel während Du bis sechs zählst). Vielen Frauen hilft es, dabei zu zählen, auch weil das Zählen – einer Art Mantra gleich – von anderen Gedanken ablenkt. Wenn das Zählen Dich stört oder nervt, dann lass es weg. Sage gedanklich „ein – aus“, „ent – spannt“ oder „ich – bin“ oder gar nichts und höre einfach Deinem Atem zu. Wichtig ist das Verhältnis von Ein- zu Ausatmen, denn das signalisiert Deinem Körper Ruhe und Entspannung. Diese Atmung ist es, die Du zwischen den Wehen anwenden solltest. Sie stellt auch eine optimale Sauerstoffversorgung Deiner Gebärmutter und Deines Babys sicher.

Dehnung

Während einer Wehe kontrahiert die Gebärmutter und das führt zu einem ungewohnten Gefühl, das man leicht als Schmerz missdeuten kann. Um das Erleben dieser Kontraktion angenehmer zu machen ist es wichtig entspannt zu sein. Außerdem kann man – unter anderem durch Atmung – der Kontraktion entgegenwirken, was sie wesentlich einfacher erfahrbar macht. Das Gefühl bei einer Wehe zu beschreiben ist so gut wie unmöglich und selbst junge Mamas haben schnell vergessen wie es sich genau anfühlt. Wenn man aber am Ende der Schwangerschaft gefühlt sowieso nur noch aus Bauch besteht und sich dieser dann auch noch unwillkürlich und unaufhaltsam kontrahiert, dann kann das schon eine unangenehme Erfahrung sein. Mir hat es geholfen bei jeder Wehe tief und so lange und langsam wie möglich einzuatmen. Im Hypnobirthing heißt diese Technik die langsame Atmung. Man versucht, so lange wie möglich ein und dann so lange wie möglich aus zu atmen. Marie Mongan schlägt vor, dabei schnell bis 20 zu zählen. Während ich das zum Üben gut finde, um sich ab und zu seinen Fortschritt bewusst zu machen, empfand ich das Zählen unter der Geburt als nervig. Außerdem war es bei mir so, dass ich schnelles Zählen mit schnellerem Atmen verband, was natürlich so nicht gewollt ist. Ich habe dann einfach nur so langsam wie möglich geatmet, ohne Zählen.

Im besten Fall deckt man so mit einem Atemzug eine Wehe ab. Das habe ich ehrlich gesagt nie geschafft. Wenn man bedenkt, dass eine einzelne Wehe gern auch eine Minute und länger gehen kann, dann kann man sich gut vorstellen wieso. Trotzdem hat mir diese Atmung sehr geholfen. Ich empfand das Einatmen als angenehmer als das Ausatmen, weil man dadurch seinen Bauch wie einen Ballon aufbläst und so der Kontraktion etwas entgegensetzt (diese verliert dadurch nicht ihre Wirkung). Ich habe dann einfach langsam (aber schneller als beim Einatmen) ausgeatmet und einen zweiten und wenn nötig einen dritten Atmenzug genommen, bis die Wehe vorüber war. Unterstützen kannst Du die Dehnung durch die Atmung noch in dem Du Dich leicht zurück beugst, wenn das in der Position in der Du Dich befindest möglich ist. Durch die Beugung nach hinten wird Dein Bauch und Deine Gebärmutter zusätzlich gedehnt. Nach der Wehe gehst Du wieder zur Enspannungsatmung über.

Ich denke mittlerweile übrigens, dass das Vertönen, wie es im Geburtsvorbereitungkurs gelehrt wird, unter Umständen dazu führt, dass man die Wehen nicht besser sondern schlechter verarbeiten kann. Beim langen Ausatmen durch das Vertönen sertzt man der Kontraktion nichts entgegen. Natürlich ist das nur eine subjektive Erfahrung. Du kannst einfach beides ausprobieren und Dir Deinen eigenen Weg suchen (das ist sowieso immer das Beste).

Bewegung

Durch Atmen kann man viel bewegen. Man kann ganz unterschiedlich atmen und das wird unterschiedliche Effekte im Körper hervorrufen. Und die Atmung ist wirklich essentiell wenn man auch den letzten Abschnitt der Geburt nicht schmerzhaft erleben möchte. Bei „Geburt“ denken die meisten Leuten ja zuerst an die Austreibungsphase und an eine Frau, die von einer Hebamme zum Pressen angeleitet wird, mit angehaltenem Atem und verkrampftem Gesicht. Leider bewirkt dies das Gegenteil von dem was in diesem Abschnitt der Geburt nötig wäre. Der weibliche Körper, Dein Körper, ist viel weiser als wir denken und er braucht auch viel weniger „Unterstüzung“ während der Geburt als wir (und viele in der Geburtshilfe) das so allgemein annehmen. Während der Austreibungsphase kommt es zum sogenannten Fötus-Ausscheide-Reflex (sehr gut beschrieben in Michel Odents „Geburt und Stillen„). Ein unangenehmer Name, aber der Mann, der ihn geprägt hat war nun mal Arzt ;D. Nennen wir ihn „spontanen Geburtsreflex“. Das bedeutet, dass das Baby automatisch, reflexartig, nach außen befördert wird und zwar durch die Gebärmuttermuskeln und nicht durch das Pressen, dass die Frau willentlich durchführt. Eine wichtige Komponente aus dem Hypnobirthing, die diesen Vorgang unterstützt, ist die J-Atmung. J wegen ihrer Form: man atmet dabei kurz ein und dann lange nach unten und nach vorn aus. Wichtiger als die Form der Atmung erschien mir bei meiner eigenen Geburt das „Weiteratmen“ an sich. Eben nicht, wie oben beschrieben, die Luft anzuhalten, sondern ruhig weiter zu atmen; mit einer Intention nach unten, um der Bewegung, die die Wehe vorgibt nachzuhelfen.

Im Hypnobirthing kommt es oft zu einem Missverständnis: die Frauen denken, sie dürften nicht Pressen und viele sind dann verunsichert, weil doch der Pressdrang so stark ist. Der Pressdrang ist der oben erwähnte Geburtsreflex, dieser ist ein Reflex des Körpers und damit unwillkürlich. Er bewirkt die Kraft, mit der das Baby schlussendlich geboren wird und ist ganz normal, also physiologisch. Nur das „Mitpressen“ ist unnötig und teilweise sogar kontraproduktiv.

Übung

Alle drei Atemtechniken sollte man während der Schwangerschaft üben. Die Entspannungsatmung kann man immer mal wieder, in allen Alltagssituationen üben. Wenn Du einen stressigen Tag haben solltest oder eine Situation in der Du sehr aufgeregt bist, probiere aus, ob sie Dich beruhigen kann. Mir hat sie oft geholfen und tut es auch heute noch. Natürlich kannst und solltest Du diese Atmung während der Entspannungs- oder Hypnoseübungen anweden, damit sie Dir sozusagen eine zweite Natur wird und Du bei der Geburt nicht mehr darüber nachdenken brauchst.

Die langsame Atmung kann man während einer Entspannungsübung proben, oder später während einer Übungswehe. Oft schafft man zu Beginn nur kürzere Atemzüge (zum Beispiel kann man nur bis 10 zählen), aber es wird besser. Wenn Du nicht, wie im Hypnobirthing gelehrt wird, schnell bis 20 zählen kannst, dann mache Dich nicht verrückt. Übe so gut wie es eben geht, und mache später mehrere Atmenzüge während einer Wehe.

Die J-Atmung kannst Du gut beim Stuhlgang üben. Dabei muss man nämlich auch nicht mitpressen (wie es so viele tun), sondern ein ganz ähnlicher Reflex (eine wellenförmige Bewegung Deines Enddarms) bewirkt die Ausscheidung der Exkremente von allein, wenn man seinen Köprer machen lässt. Probiere es einmal aus, die Atmung und die Intention nach Unten kann dabei helfen.


Wenn mein Beitrag Dir gefallen hat, dann lass es mich wissen, darüber würde ich mich sehr freuen.  Wenn Du Fragen oder Anregungen hast, dann schreibe mir doch gern einen Kommentar oder kontaktiere mich direkt. Vielleicht bist Du selbst gerade schwanger und hast Angst vor der Geburt Deines Babys? Ich würde mich freuen, Dir persönlich helfen zu können.

Ich wünsche Dir alles Gute und viel Kraft auf Deinem Weg.  – Susanne


13 Gedanken zu “Geheimnisse einer schmerzarmen Geburt: #2 Atmung

  1. Hallo, danke für deinen hilfreichen Artikel!

    Da du die J-Atmung ansprichst: Wie kurz sollte man dabei eigentlich ein- und wie lange wieder ausatmen und vorallem wie zügig oder langsam ist es denn ratsam? Ich habe im Hypnobirthing-Buch leider keine nähere Erklärung dazu gefunden. Und wie hast du das denn bei deiner Geburt während der J-Atmung erlebt?

    Neugierige Grüße :-)

    Gefällt 1 Person

    1. Ich würde sagen, es ist bei der J-Atmung nicht so wichtig dass man sich an bestimmte Vorgaben von außen hält (ob sie nun aus einem Buch kommen, von mir oder einer Hebamme etc). Am wichtigsten ist, WEITER zu atmen und nicht mit angehaltener Luft zu pressen, wie man es aus Filmen und Dokus kennt.
      Bei meiner eigenen Geburt ging es nach dem die Wehen langsam in Presswehen übergingen ganz automatisch. Mein Körper hat wirklich vollkommen die Führung übernommen und ich habe nur versucht ihm nicht im Wege zu stehen. Ich habe losgelassen und weiter geatmet, kurz ein, länger wieder aus, aber die Hauptarbeit, den „Schub“ quasi, machen die Muskeln der Gebärmutter sozusagen von allein, ähnlich wie beim
      Stuhlgang zB. Vertrau der Führung deines Körpers, er ist zum Gebären gemacht und du weißt das intuitiv was du tun musst. Darf ich fragen ob du selbst schwanger bist? Ganz liebe Grüße und noch mal vielen Dank für Deine Kommentare, Susanne

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